Man zehrt ein ganzes Leben davon

Ist der VFL Wolfsburg durch die Meisterschaft 2009 ein anderer Verein geworden? Wir haben mit zwei Fans darüber gesprochen.
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Michael Günterberg, wurde VFL-Fan, als Aufstiegsheld Roy Präger 1997 seinen Kindergarten besuchte. Philip „Lupo“ Henkel war in den 80ern „Top-Spiel-Gucker“ und wurde in den 90ern zum Fan, der alle Reisen mitmachte.
Michael Günterberg, wurde VFL-Fan, als Aufstiegsheld Roy Präger 1997 seinen Kindergarten besuchte. 
Philip „Lupo“ Henkel war in den 80ern „Top-Spiel-Gucker“ und wurde in den 90ern zum Fan, der alle Reisen mitmachte.
Der Meistertitel war auch eine Chance, das Image des Klubs aufzupolieren. Ist das gelungen?

Henkel: Für uns Fans ist der VfL Meister geworden, aber ich glaube, in der öffentlichen Wahrnehmung hatte der VfL damit ganz wenig bis gar nichts zu tun. Wenn man die überregionale Presse gelesen hat, ist nicht Wolfsburg Meister geworden, sondern Felix Magath. Der hat hier seine One-Man-Show abgezogen, und so wurde das öffentlich auch wahrgenommen.

Heike, eine der Protagonistinnen des Fan-Films „20 – Der Stress lohnt sich!“, moniert, dass der Anhänger nach dem Meistertitel nicht mehr so viel wert gewesen sei. Hat sie Recht damit?

Henkel: Da kann man ihr nur beipflichten. Dem Verein ging es darum, die Fanbasis zu erhöhen, nur die neuen Fans waren wichtig. Aber die hat man mit seltsamen Aktionen eher vergrault als gebunden.

Hast du ein Beispiel dafür?

Henkel: Um das Stadion in der Champions League vollzukriegen, gab es irgendwelche Rabatte. Diejenigen, die bereits eine Karte gekauft hatten, haben in die Röhre geschaut. Das ist denen natürlich sauer aufgestoßen. Wenn man ein gutes Produkt hat, muss man nichts verschenken, der VfL hat sich da unter Wert verkauft – und hat deshalb immer noch Probleme: Die Leute meckern über teure Tickets, obwohl sie im Liga-Vergleich schon günstig sind.

Kommt es vor, dass die Fan-Szene auf sogenannte Erfolgsfans, auf Zuschauer, die erst durch Titel angezogen wurden, herabblickt?

Henkel: Es ist auf jeden Fall so, dass von den Erfolgsfans beziehungsweise von denen, die angelockt wurden, viele einfach dem nächsten Erfolg hinterhergelaufen und nur wenige zu echten Fans geworden sind. Die Basis hat sich nicht signifikant erhöht.
Günterberg: Man hat diese Erfolgsfans schon bemerkt, die haben sich Dauerkarten geholt, um dann in der Champions League Manchester United zu sehen. Sie sind – wie es heutzutage auch oft noch ist – nur zu den Topspielen gegangen und haben die Karte ansonsten verfallen lassen.
Henkel: Das war genau die gleiche Oberflächlichkeit, die man auch dem VfL vorwerfen muss, weil er diese Art von Fans nach der Meisterschaft nicht emotional gepackt hat.

Anhänger wie Günterberg und Henkel gehen mit ihrem Klub durch dick und dünn. „Gerade Negativ-Erlebnisse haben den Kern noch mehr zusammengeschweißt“, sagt Henkel. Die Leidensfähigkeit der VfL-Fans wurde schon häufiger geprüft, ihre Geduld ebenso. Letztere beweist das Duo auch an diesem Tag. Günterberg und Henkel posieren und lächeln, bis AZ/WAZ-Fotograf Gero Gerewitz die passenden Motive im Kasten hat. Am Ort des Fotoshootings, dem Unterrang der Nordkurve, ist Günterberg Stammgast, im Block 5. „Ich stehe hier zum ersten Mal“, verrät Henkel. Seine Arena-Heimat ist Block 6 im Oberrang. Von dort verfolgte er auch 2016 das sensationelle 2:0 gegen Real Madrid.

Ähnlich wie nach der Meisterschaft ging’s auch nach dem Pokaltriumph 2015 und der starken Champions-League-Saison mit dem Hinspielsieg gegen Real Madrid wieder bergab. Was hätte der Verein anders machen müssen?

Henkel: Ehrliche Arbeit. Klar ist doch: Immer, wenn die Mannschaften gearbeitet haben, gab’s auch Erfolge, so sind sie aufgestiegen, so haben sie die Klasse gehalten. Und immer wenn der Verein diesen Faden verloren und Hacke-Spitze-eins-zwei-drei versucht hat, kamen weniger Zuschauer, in der Tabelle ging’s abwärts. Deshalb passt der jetzige Claim, der ja von den Fans stammt.
Günterberg: Arbeit, Fußball, Leidenschaft.
Henkel: Genau. Wir Fans haben ihn nach der Saison 2016/17 mit den Relegationsspielen gegen Eintracht Braunschweig immer wieder vorgeschlagen, und er kam gut an. Erst war das der Saison-Claim, seit dieser Spielzeit ist es der Haupt-Claim des VfL Wolfsburg.

Ihr seht also positive Ansätze?

Henkel: Mit Sportdirektor Marcel Schäfer, Manager Jörg Schmadtke und Trainer Bruno Labbadia gibt es in dieser Saison drei Leute, die den Mitarbeitern einen Rahmen vorgeben: So wollen wir sein. So wollen wir Fußball spielen. So wollen wir mit den Fans umgehen. Wer da nicht mitzieht, hat schlechtere Karten. Das ist schon mal ein Anfang.
Günterberg: Ob sich das fest im Verein verankert hat, wird man in zehn, 15 Jahren sehen. Wichtig ist, dass man auf Dauer fortführt, was hier gerade aufgebaut wird.
Henkel: Es soll ja irgendwann ein Leitfaden niedergeschrieben werden, und wer den mitträgt, sei es nun Abteilungsleiter, Fanbeauftragter oder Starspieler, ist willkommen, ansonsten können sie nach Hause gehen. Das wäre das Optimum, so arbeitet ja auch jedes andere Unternehmen. Die VfL-Fans, seitdem ich aktiv bin, hatten immer diesen Faden.

Dürfen Wolfsburgs Anhänger irgendwann eine zweite deutsche Meisterschaft bejubeln?

Günterberg: Mein Gefühl ist, dass es noch mal passieren wird, wenn der VfL und VW es wirklich wollen. Hätten wir 2015 konstanter gespielt, wäre es da schon machbar gewesen. Ich glaube nämlich, dass diese Mannschaft besser war als die 2009er.
Henkel: Mit den Möglichkeiten, die wir hier haben, müssen wir immer unter den ersten Sechs sein – und das schließt ja Platz eins mit ein. Wenn’s gut läuft und man so viel Glück mit Schiedsrichter-Entscheidungen hat wie 2009 – da gab’s einige Tore, die jetzt mit Videobeweis niemals gezählt hätten – dann ist der Titel drin.


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