Videoassistenz bei der WM 2018: Ob das gut geht?

In der Bundesliga sorgte der Videobeweis für viele Aufreger. Jetzt feiert das System sogar WM-Premiere. Die Hintergründe.
Einziger deutscher Hauptschiedsrichter bei der Endrunde in Russland: BundesligaReferee Felix Brych (42) aus München.
Einziger deutscher Hauptschiedsrichter bei der Endrunde in Russland: BundesligaReferee Felix Brych (42) aus München.
Von Sebastian Harfst

Eines ist schon vorab klar: Den Schiedsrichtern wird bei dieser Weltmeisterschaft besondere Aufmerksamkeit zuteilwerden. Der Grund ist eine technische Revolution, die beim Testlauf im vergangenen Jahr während des Confed Cups für Aufregung sorgte und während der vergangenen Bundesliga-Saison fast jedes Wochenende die Gemüter aufbrachte.

Der Videoschiedsrichter, kurz VAR (für „Video Assistant Referee“), feiert seine WM-Premiere. Fifa-Präsident Gianni Infantino ist vollends überzeugt von der Neuerung: „Die Chance, eine richtige Entscheidung ohne Videoassistent zu treffen, liegt bei 93 Prozent. Mit dem Videoassistenten liegt sie bei 99 Prozent.“ Bliebe ein Prozent Streitmasse ...

Denn die Diskussionen und das mitunter schwierig nachvollziehbare Verfahren zur Entscheidungsfindung in der vergangenen Bundesliga-Saison haben gezeigt: Das Ende aller Schiedsrichterdiskussionen wird auch die Einführung des Videobeweises nicht nach sich ziehen. Weiterhin ist das Verfahren umstritten. Zuletzt schimpften die Spieler des FC Bayern München über einen nicht gegebenen Elfmeter in den entscheidenden Minuten des DFB-Pokal-Finales gegen Eintracht Frankfurt. Schiedsrichter Felix Von Sebastian Harfst Zwayer blieb nach einem Tritt von Frankfurts Kevin-Prince Boateng gegen den Münchner Javi Martinez auch nach Sichtung der Fernsehbilder bei seiner Entscheidung: kein Strafstoß. Die Hessen gewannen das Spiel.

Zwei Deutsche in der Moskauer Videozentrale

Ausgerechnet dieser Felix Zwayer gehört wie Kollege Bastian Dankert nun zu den 13 Schiedsrichtern, die bei der WM in der Videozentrale sitzen, um kritische Entscheidungen zu überprüfen. Der frühere Unparteiische Peter Gagelmann verbuchte Zwayers umstrittene Entscheidung im Pokalendspiel unter dem Faktor Erfahrung: „Jedes Spiel ist ein Lernprozess, das wird ihn natürlich schulen für die WM.“

Grundsätzlich unterscheidet sich das Videoassistenzsystem bei der WM wenig von dem in der Bundesliga. Statt in Köln sitzen die Männer am Bildschirm nun allerdings in der Videozentrale in Moskau. Für jedes der 64 WM-Spiele ist ein VAR-Team bestehend aus dem Chef und drei Assistenten im Einsatz. Ausgewählt wurden die Teams nach Angaben der Fifa auch aufgrund der Erfahrung, die sie mit dem System in ihrer heimischen Liga bereits gemacht haben.

Felix Brych ist zum zweiten Mal dabei

Einschreiten dürfen die Männer in Moskau nur bei vier spielentscheidenden Fragen: Tor, ja oder nein (auch bei vorangegangenen Abseitssituationen); Elfmeter, ja oder nein; Rote Karte, ja oder nein; und wenn nicht klar ist, welcher Spieler für ein Vergehen bestraft werden muss. Die endgültige Entscheidung obliegt dabei immer dem Schiedsrichter auf dem Feld, die Männer vor dem Bildschirm können eine Sichtung der Fernsehbilder nur anregen. Will der Unparteiische auf dem Rasen eine Szene noch einmal sehen, macht er die aus der Bundesliga bekannte Bildschirmgeste. Pierluigi Collina, Boss der Fifa-Schiedsrichter und früherer Unparteiischer von Weltformat, stellt dennoch klar: „Es wird weiterhin Vorfälle geben, bei denen es keine finale Antwort gibt.“

Einer, dem die Informationen aus der Videozentrale in Moskau bei seinen Entscheidungen auf dem Feld helfen sollen, ist Felix Brych. Der 42-Jährige ist der einzige deutsche unter 35 Hauptschiedsrichtern bei der WM und zum zweiten Mal nach dem Turnier vor vier Jahren in Brasilien dabei. Als Assistenten, also die, die man früher Linienrichter nannte, hat er Stefan Lupp und Mark Borsch dabei. Der Münchner Brych schätzt die technische Hilfe. „Wenn wir durch den Videobeweis dazu kommen, dass 80 Prozent der klaren Fehler eliminiert werden, ist das positiv“, sagte er zum „Münchner Merkur“.

35 Hauptschiedsrichter stehen auf der WM-Liste der Fifa. Fahad al-Mirdasi (Saudi-Arabien) wurde wegen Korruptionsvorwürfen in seiner Heimat vor WM-Start gestrichen.

Rätselraten auf den Rängen und vor den TV-Bildschirmen, was da gerade entschieden wurde? Anders als in der Bundesliga soll zumindest das Problem der Kommunikation bei der WM gelöst sein. Beim Turnier in Russland sind Mitarbeiter eigens damit beauftragt, den Entscheidungsprozess des Schiedsrichterteams nach außen zu tragen. Heißt: Auf den heimischen Bildschirmen und auf den Leinwänden in den WM-Stadien soll die Entscheidung eingeblendet werden.

Heißt auch: Es darf weiter diskutiert werden, selbst wenn Schiedsrichter im Einsatz sind, die das System kennen. Siehe den Fall Zwayer im deutschen Pokalfinale.

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