Betonmischerfahrer oder Fussballreporter: Michael Born über den VfL Wolfsburg

Michael Born
Betonmischerfahrer oder Fussballreporter Image 1
Er ist 51 Jahre alt, aber gefühlt schon viel länger im Geschäft. Er war beim ZDF, beim DSF, bei Premiere – inzwischen ist er bei Bundesliga-Übertragungen auf Sky zu hören: Sportkommentator Michael Born. Im Interview spricht der gebürtige Kieler über Geisterspiele, die Rückkehr zu vollen Stadien sowie den VfL Wolfsburg und dessen Möglichkeiten in der neuen Saison.

Herr Born, schalten Sie sich in dieser Zeit bei Geisterspielen eigentlich auch die Stadion-Option aufs Ohr, um Zuschauer-Atmosphäre zu haben?

Das kann ich nicht (lacht). Aber ich habe tatsächlich schon mal überlegt, ob man das mal anregt. Auf der anderen Seite kann man jetzt mal Dinge hören, die man sonst nicht so hört, deswegen ist das eigentlich nicht möglich. Rein fürs Arbeiten wäre es schon besser, wenn man sich ein Grundrauschen darunterlegen würde.

Welche Dinge meinen Sie?

Durch die Headsets bekommen wir über die Außenmikrofone ohnehin zum Teil mit, was an den Bänken passiert. Das hört man jetzt klar, wenn da zum Beispiel kleine Scharmützel passieren. Was die Kommunikation auf dem Feld betrifft , bin ich eigentlich etwas enttäuscht. Da habe ich mir etwas mehr erhofft.
VfL Wolfsburg
Wenn ich Sie richtig verstehe, würden sie aber viel lieber Zuschauer hören...

Es fehlen für mich einfach 30 Prozent des Gesamterlebnisses. Für mich ist es extrem wichtig, Atmosphäre auf den Ohren zu haben. Ich mache mir das auch immer viel zu laut. Wahrscheinlich trage ich irgendwann einen Hörschaden davon (lacht). Das mache ich, um richtig ins Spiel reinzukommen. Und jetzt sitzt du da, und es ist Totentanz. Das kannst du als Reporter nicht auffangen, das kann mir auch niemand erzählen. Man merkt auch, dass alle anderen diese Problematik haben.

Also brauchen Sie die Atmosphäre, um Ihr ganzes Potenzial auszuschöpfen?

Das ist hundertprozentig so. Ich brauche das vielleicht sogar noch mehr als andere. Ich bin in dem Spiel eigentlich erst so richtig drin, wenn ich die Stadion-Atmosphäre auf dem Ohr habe.

Hat sie das angetrieben, als Sie sich für diesen Job entschieden haben?

Natürlich sind wir alle etwas eitel, und ich fand es immer toll, meinen Namen unter meinen Artikeln im Sportmikrofon in Hamburg zu lesen. Aber das hat sich dann auch gelegt. Es ist mir auch ziemlich egal, ob ich ein Einzelspiel oder in der Konferenz kommentiere, wo mich deutlich mehr Menschen hören. Auch bei einem Sonntagsspiel hat man mehr Zuhörer, aber das spielt für mich inzwischen keine Rolle mehr.

Was hat Sie denn sonst noch an dem Beruf fasziniert?

Für mich war das als Kind schon klar. Entweder werde ich Betonmischerfahrer oder Fußballreporter. Es ist ja der Klassiker, dass man schon mit sechs Jahren mit dem Mikro durch die Gegend läuft . Dann habe ich die erste Runde des DFB-Pokals bei Tipp-Kick durchgespielt und gleichzeitig kommentiert. Mir war von Anfang an klar, dass ich diesen Beruf ausüben möchte.

Jetzt hat die Pandemie einiges verändert, wahrscheinlich auch Ihre Arbeitsabläufe, oder?

Wir müssen uns wie alle anderen auch an die Regeln halten. Das heißt, ich sehe vor Ort relativ wenig Menschen. Ganz am Anfang musste ich mich um 13.30 Uhr auf die Haupttribüne setzen und durfte die nicht mehr verlassen. Den Mundschutz durfte ich zwar zwischendurch ab und zu mal abnehmen. Aber das ist trotzdem absurd. Das wurde jetzt zum Glück ein wenig gelockert, sodass man sich ein bisschen bewegen darf. Es ist ja selbstverständlich, dass ich um 15.30 Uhr keine Top-Leistung bringen kann, wenn ich da vorher zwei Stunden auf dem Platz saß.

Und das in Zeiten, in denen man das Gefühl hat, Fußball wird ohnehin nur noch fürs Fernsehen gespielt. Oder wie sehen Sie das?

Letztendlich wird Fußball schon für die Menschen gespielt. Wo sie das konsumieren, ist grundsätzlich erst mal egal. Es scheint immer noch genug Leute zu geben, die sich alle Spiele reinziehen. Die Zuschauerzahlen sind zuletzt zwar schon rückläufig gewesen, vor allem bei der Sportschau. Bei uns hat es sich nicht so gravierend gezeigt. Aber natürlich sind die Verantwortlichen dabei, das Rad komplett zu überdrehen. Wenn es jetzt wirklich mit der Conference League losgeht, bei der dann der Achte aus der Bundesliga gegen den Dritten aus Rumänien spielt, frage ich mich schon, wer das noch gucken soll. Das haben wir aber auch schon vor einigen Jahren bezüglich der Montagsspiele in der 2. Liga gesagt, als die losgingen.

Können Sie den Ärger der Fans denn nachvollziehen, der in Sachen Anstoßzeiten und TV-Rechte-Verteilung geäußert wird?

Klar. Ich bin selbst Konsument. Ich weiß von vielen Freunden und Bekannten, dass das Interesse schon weniger geworden ist. Auch was die Entwicklung des Profigeschäfts durch Vereine wie Leipzig, Hoffenheim und eben zum Teil auch Wolfsburg angeht. Also ich gucke mir die Spiele genau aus, die ich mir ansehe. Alle Spiele will ich nicht mehr schauen.

Für welchen Verein schlägt denn Ihr Herz und was verbindet Sie mit diesem Klub?

Das ist bei mir ein Dauer-Thema… Ich habe in der Jugend beim Hamburger SV gespielt – das hat aber nur begrenzt geklappt. In der B-Jugend habe ich dort dann aufgehört. Dadurch habe ich die Verbindung zu dem Verein. Das erste Mal, als ich aufs Trainingsgelände kam, waren Horst Hrubesch, Manni Kaltz und Felix Magath da. Das vergisst du als Kind natürlich nicht. Wobei meine Liebe inzwischen deutlich abgekühlt ist.

Dem HSV fehlen die Fans im Stadion mit Sicherheit auch. Über Wolfsburg wird ja oft gesagt, dass der Verein sowieso keine Fans hat, daher seien Geisterspiele ja gar nicht so schlimm...

Es ist trotzdem etwas anderes, auch in Wolfsburg (lacht). Natürlich macht es mehr Spaß, wenn Zuschauer im Stadion sind.

Wie ist das Arbeiten in Wolfsburg?

Da kann ich mich nicht beklagen. Ich bin gut versorgt, habe einen guten Draht zu Trainer Oliver Glasner. Ich habe von früher einen sehr guten Draht zu Manager Jörg Schmadtke. Die Presseabteilung macht es gut. Da gibt es nichts zu meckern.

Nur dürfte das Stadion ab und zu mal etwas voller sein…

Ja, es dürfte schon etwas voller sein, es dürfte auch etwas lauter sein. Aber ich glaube, das werden wir alle nicht mehr erleben.

Was trauen Sie dem VfL in der neuen Saison zu?

Wir wissen alle, Bayern, Dortmund, Leipzig und Leverkusen sind weg. Vielleicht mit Gladbach sogar die ersten Fünf. Dahinter geht‘s dann um die Plätze sechs und sieben. Da sind ein paar Mannschaften im Rennen. Was Wolfsburg angeht, hat sich das Team zwar bisher nicht signifikant verschlechtert, aber mit den ersten Transfers auch noch nicht signifikant verbessert. Wenn es gut läuft, können sie wieder in diese Region kommen, aber da muss schon relativ viel zusammenpassen.

Wen sehen Sie noch im Kampf ums internationale Geschäft?

Hertha muss man auf dem Zettel haben, aber auch Frankfurt. Hoffenheim zähle ich auch dazu. Aber ich finde Wolfsburg vom Kader her nicht schlechter als Hoffenheim – das ist in etwa ein Niveau.

In Sachen Neuzugänge hat sich beim VfL auch schon etwas getan...

Die Neuzugänge kann man aber noch nicht wirklich einschätzen. Ich würde erst mal sagen, Bartosz Bialek und Maxence Lacroix sind noch keine Top-Kandidaten für die Startelf, sondern eher Joker. Hinten sehe ich Marin Pongracic als Nummer 1 und dahinter kämpfen sie um den zweiten Platz in der Innenverteidigung.

Und wie läuft es für Wolfsburg in der Europa League?

Das kann man noch schwerer vorhersagen. Man weiß ja auch nicht, wie das mit Verletzungen aussieht. Aber alles andere als die Gruppenphase wäre eine große Enttäuschung – schwierige Vorbereitung hin oder her. Das muss mit dem Kader das das Ziel sein. Ob es dann für mehr reicht, kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehen. (mwe)
zurück zur Übersicht VfL Wolfsburg 2020/21