VfL Wolfsburg: Von Stallones Film zu Dynamit im Congress-Park

         
Armwrestling als Event: „Over The Top“ 2019 im Wolfsburger Congreoss-Park. Fotos: Boris Baschin privat
Armwrestling als Event: „Over The Top“ 2019 im Wolfsburger Congreoss-Park. Fotos: Boris Baschin privat
IG Metall Wolfsburg
Die Armwrestler gehören zu den jüngsten Abteilungen des VfL Wolfsburg – und zu den erfolgreichsten. Pionier Olaf Köppen und seine Mitstreiter sind ein Beispiel dafür, wie man eine Sportart quasi erfinden kann.  

Arme, die auf Tischplatten krachen, schweißgetränkte Athleten, jubelnde Zuschauer und Sylvester Stallone, der um die Anerkennung seines Sohnes und um den WM-Titel im Armdrücken kämpft: Der Film „Over The Top“, 1987 erschienen, hatte es dem Wolfsburger Olaf Köppen angetan . „Ich habe den Film gesehen, und dann hat es bei mir gebrannt. Wir haben uns einen Tisch besorgt, haben alles nach Augenmaß ausgemessen – und dann losgelegt“, erzählt er. Aus der spontanen Idee wurde mehr – und aus Armdrücken wurde „Armwrestling“, mittlerweile eine der erfolgreichsten Sportarten im VfL Wolfsburg.  

Dabei waren beim VfL alle skeptisch, als Köppen mit seiner Idee ankam. „Das kannte hier noch niemand, es gab noch keinen Verband und nichts“, erzählt er. Das VfL-Präsidium willigte unter der Bedingung ein, Köppen müsse zehn Anmeldungen bringen. Er motivierte Leute aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis, sich für eine Sportart anzumelden, die es in Deutschland noch gar nicht gab. Am 1. September 1993 wurden die Armwrestler beim VfL aufgenommen – zunächst unter dem Dach der Gewichtheber.  

Im Jahr darauf richtete Köppen im Wolfsburger Tannenhof eine Stadtmeisterschaft aus. 58 starke Männer nahmen teil. „Jeder kam zu mir und sagte, er habe noch nie verloren“, so Köppen. Jeder war davon überzeugt, dass er gewinnen wird. „Da hatte so mancher den Glauben an sich selbst verloren“, erinnert sich Bill Frank, der den Wettbewerb gewonnen hatte. Er selbst hatte „von da an Feuer gefangen, es hat mich mein ganzes bisheriges Leben nicht mehr losgelassen“.
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„Over The Top“ wurde ein Erfolg, dabei war Köppen trotz seiner Überzeugung „nervös wie Lumpi, denn das war alles noch ein bisschen blauäugig.“ Die Zuschauer mussten durch den Abend geführt werden, also organisierte Köppen Cheerleader, Nummerngirls und moderierte das Event selbst. Es gab noch keine großen Sponsoren. Hier eine Zehner-Karte vom Sonnenstudio für’s Solarium, da 100 Mark vom Kiosk um die Ecke. „Wären keine Zuschauer gekommen, hätte ich mich mit 5000 Mark in die Disteln gesetzt“, sagt Köppen. Mit 500 Zuschauern war das Turnier gut besucht. „Als die Bude voll war, wusste ich, ich habe alles richtig gemacht.“ Und schwärmt noch heute: „Das war wie Dynamit im Congress-Park, im positiven Sinn.“

Mittlerweile bilden die Armwrestler eine eigenen Abteilung im VfL – und sind wie die Dartsspieler, die Cheerleader oder davor auch die Triathleten ein Beispiel dafür, dass neue Sportarten auch in „alten“ Vereinen ein Zuhause finden können. Und Köppen ist Pionier geblieben – als Trainer, Abteilungsleiter, Verbandspräsident. 2004 wurde er zudem in Südafrika Vizeweltmeister, auch Co-Trainer Bill Frank sowie Dirk Schenker brachten dem VfL WM-Silber. „Wenn er an etwas glaubt, dann vermag er es auch durchzusetzen“, sagt Frank über Köppen.
Stark: Abteilungsleiter Olaf Köppen (r.) und Co-Trainer Bill Frank.
Stark: Abteilungsleiter Olaf Köppen (r.) und Co-Trainer Bill Frank.
Um die VfL-Athleten zu schulen, reichte Köppen das reine Training nicht aus. Er besuchte Seminare, um neue Techniken zu erlernen und die verschiedenen Stile anderer Nationen zu studieren. „Was wir geglaubt haben, über Armwrestling zu wissen, mussten wir komplett umwerfen“, sagt Frank. Mit Erfolg: Frank selbst wurde unter anderem jeweils zweimal Vize-Weltmeister und Europameister sowie 18-facher deutscher Meister. „Wenn das Dreigestirn Köppen, Schenker, Frank auf Turnier kam, haben wir die anderen das Fürchten gelehrt“, sagt Frank mit einem Schmunzeln.

Und so sind beim VfL die Zeiten des Stirnrunzelns längst vorbei – Armwrestling ist als Sportart anerkannt, Köppen als Macher geschätzt. „Heute läuft das tadellos, ich lege mein Konzept vor und das ändert sich im Großen und Ganzen auch nicht mehr“, beschreibt er das Miteinander.

Das sportliche Highlight für die VfL-Armwrestler fand im vergangenen Jahr statt. Im polnischen Rumia holten die Brüder Fabian und Jan Täger den WM-Titel. Einer mit rechts, der andere mit links – und jeweils standen sich die Brüder im Finale gegenüber. „So etwas hat es zuvor auf der Welt noch nicht gegeben. Beide haben mit rechts und links alles weggebügelt“, sagt Köppen mit Begeisterung: „Bill, Dirk und ich, wir sind alle zweimal Vize-Weltmeister geworden, aber der Zweite ist auch der erste Verlierer...“

„Over The Top“ hat sich im VfL und im Veranstaltungskalender der Stadt etabliert, am 21. November wird das Turnier wieder im Wolfsburger Congress-Park ausgetragen. Es könnte – und auch das hat mit Köppens Hartnäckigkeit zu tun – nach dem Corona-bedingten Ausfall sämtlicher Turniere die einzige Armwrestling Veranstaltung sein, die 2020 in Deutschland oder gar in Europa stattfindet. Text: Henning Kampen

Feste Regeln

Anders als „Armdrücken“ unterliegt „Armwrestling“ festen Regeln. Gekämpft wird im Stehen an einem 102 Zentimeter hohen Tisch, die freie Hand muss einen Griff am Rand umfassen, die Ellenbogen werden auf Polstern platziert, die Schultern müssen gerade sein. Turniere werden in verschiedenen Gewichtsklassen ausgetragen.
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