Das Gedächtnis Der Wolfsburger Leichtathletik

         
Das Gedächtnis der VfL-Leichtathleten: Robert „Robby“ Novak ist seit 58 Jahren in Wolfsburg dabei. Fotos: VfL Wolfsburg Imago Images Otto / 0016464396 priv
Das Gedächtnis der VfL-Leichtathleten: Robert „Robby“ Novak ist seit 58 Jahren in Wolfsburg dabei. Fotos: VfL Wolfsburg Imago Images Otto / 0016464396 priv
Ob Meter, Zeiten oder Weltrekorde – wenn es um Leistungen der VfL-Leichtathleten geht, weiß niemand so gut Bescheid wie Robert Novak. Seit 58 Jahren begleitet er die Wolfsburger nun schon, sein Einsatz ist ungebrochen und sucht seinesgleichen. Hildegard Falck, Manfred Steinbach oder Deniz Almas – Novak kennt alle.  

Unermüdlicher Einsatz seit 58 Jahren, ein breit gefächertes Fachwissen – und Erinnerungen, mit denen er selbst Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass...“ beeindruckt hätte. Wenn es um Zeiten, Meter und Wolfsburger Rekorde auf Tartanbahn und Co. geht, führt an Robert „Robby“ Novak kein Weg vorbei. Der inzwischen 81-Jährige ist das Gedächtnis der VfL-Leichtathleten. Seine Begeisterung für „seinen“ Sport: bis heute ungebrochen. „Die Leidenschaft ist nach wie vor da, das Feuer brennt“, sagt das lebende Lexikon und blickte anlässlich des 75-jährigen Geburtstags des Gesamtvereins auf viele schöne, aber auch weniger schöne Momente zurück. 
VfL Wolfsburg e.V.
Früh vorn dabei: In sechziger Jahren hatte der VfL eine ganze Reihe von herausragenden Leichtathleten – hier Arno Krause 1965 beim Sportfest in Gelsenkirchen-Buer.
Früh vorn dabei: In sechziger Jahren hatte der VfL eine ganze Reihe von herausragenden Leichtathleten – hier Arno Krause 1965 beim Sportfest in Gelsenkirchen-Buer.
Los ging es für ihn in Wolfsburg 1962, als er aus seiner Heimat Wetzlar in die VW-Stadt kam und sich prompt dem VfL anschloss. Er selbst galt zu dieser Zeit mit seinen 10,8 Sekunden über 100 Meter zu den hoffnungsvollen Nachwuchssprintern. „Als ich mit Mitte 20 aufgehört habe, bin ich in die Betreuung gegangen – erst als Trainer, dann war ich jahrzehntelang Sportwart. Da habe ich die ganze Entwicklung mitbekommen. Teilweise waren wir die erfolgreichste Leichtathletik-Abteilung in ganz Deutschland“, erinnert sich Novak, der damals die Aufbruchsstimmung der Wolfsburger Leichtathleten erkannte. Republikweit sprach er Athletinnen und Athleten an und brachte sie zum VfL. „Ich habe alles für die Athleten getan, was in meinen Möglichkeiten stand“, sagt Novak heute.

Mit seinem Engagement war er mit dafür verantwortlich, dass inzwischen 130 Sportler Olympiamedaillen, Welt- und Europameistertitel und DM-Titel nach Wolfsburg holten. Bis auf 2000, 2008 und 2016 war von 1960 an bei allen Olympischen Spielen mindestens ein Wolfsburger mit dabei – 1960 Manfred Steinbach und Theo Püll, 1964 Horst Beyer und Jörg Jüttner, 1968 Werner Girke, 1972 Ausnahmeathletin Hildegard Falck sowie Horst Beyer und Heinz Mayr, 1976 Günter Mielke, 1980 Jens Knipphals und Uwe Becker, 1988 Karin Janke, 1992 Stephanie Storp, 1996 erneut Janke und Storp, 2004 Detlef Bock sowie 2012 Jens Knipphals.
Fertigmachen zum Hochsprung: Der VfLer Jürgen Jenß (r.) wurde 1958 als erster Wolfsburger deutscher Meister. Ebenfalls auf dem Bild: Manfred Germar (3. v. r.) und Martin Lauer (4. v. r.), Leichathletik-Stars ihrer Zeit.
Fertigmachen zum Hochsprung: Der VfLer Jürgen Jenß (r.) wurde 1958 als erster Wolfsburger deutscher Meister. Ebenfalls auf dem Bild: Manfred Germar (3. v. r.) und Martin Lauer (4. v. r.), Leichathletik-Stars ihrer Zeit.
An zwei Momente denkt der VfLer aber heute besonders gern zurück. „Die schönste Erinnerung ist das Live-Erlebnis der Olympischen Spiele 1972 in München. Und der Weltrekordlauf von Hildegard 1971 in Stuttgart. Bei beiden Wolfsburger größten Erfolgen war ich dabei“, schwärmt Novak. Im Schwabenland hatte Falck mit 1:58,5 Minuten über 800 Meter einen Weltrekord aufgestellt und als erste Frau die zwei Stadionrunden unter zwei Minuten geknackt.

Aber nicht nur das ist Novak im Gedächtnis geblieben. „In Erinnerung ist auch der deutsche Zehnkampf- Meistertitel von Dieter Möhring 1957.“ Doch das war nicht genug, Möhring wollte mehr. Ein Jahr später wurde er deutscher Meister im Stabhochsprung, zudem erkämpfte er sich im Diskuswurf die Goldmedaille. Bei Novak sorgen diese Triumphe auch heute noch für große Augen, er kann es kaum fassen, was Möhring Ende der 50er-Jahre gelungen war. Und Novak ist sich sicher: „Das wird nie mehr wieder passieren, dass ein und dieselbe Person diese drei Titel holt.“ Nach dem früh verstorbenen Sportler wurde ein Sportfest benannt, das nach wie vor durchgeführt wird.
Zwei Ausnahmeathleten: Dieter Möhring (l.) wurde deutscher Meister im Zehnkampf, Horst Beyer startete 1964 bei Olympia.
Zwei Ausnahmeathleten: Dieter Möhring (l.) wurde deutscher Meister im Zehnkampf, Horst Beyer startete 1964 bei Olympia.
Wenn’s um Sportfeste geht, darf der Name Jürgen Jenß nicht fehlen. Dieser Sportler ist dem Leichtathletik- Experten nach wie vor im Kopf. Beim 1.-Mai-Sportfest 1958 wurde Jenß als erster Wolfsburger deutscher Meister im Hochsprung. „Die ARD stand auf den Dächern und filmte ins Stadion am Elsterweg, es war eine Live-Übertragung am Sonntag von 15 bis 17 Uhr – heute nicht mehr denkbar“, sagt Novak und erinnert sich auch gern an die 3x800-Meter-Staffel um Christa Basche, Mechthild Achtel und Christa Luczak, die 1966 zum DM-Titel lief. Und an ebenjenen Olympia-Teilnehmer Steinbach. Novak: „Das war ein Verrückter. Er war Arzt. Das war unglaublich, was und wie der trainiert hat, um seine Leistung zu steigern.“ Er habe sich 1958 selbst Hanteln herstellen lassen, und die „in einem Schuppen am Krankenhaus deponiert, damit er immer trainieren konnte“.

Viele, viele Erinnerungen haben Novak geprägt – aber die sind nicht nur in seinem Kopf, sondern auch in Form von Bildern in seinem Schreibtisch und seinem Keller aufbewahrt. Und die Sammlung wächst immer weiter. Denn auch heute noch ist der 81-Jährige dabei. Mit der Leichtathletik-Fangruppe reist er kreuz und quer durch Europa. „Es macht so viel Spaß, sich um die jungen Leute zu kümmern, sich für ihre Ziele zu interessieren“, sagt Novak, der die Athleten beispielsweise anruft und ihnen vor dem Wettkampf viel Erfolg wünscht. „Das Interesse ist der Motor, dass man zu den Veranstaltungen fährt.“
Einer der ersten Weltklasse-Leichtathleten des VfL Wolfsburg: Sprinter und Weitspringer Manfred Steinbach
Einer der ersten Weltklasse-Leichtathleten des VfL Wolfsburg: Sprinter und Weitspringer Manfred Steinbach
Jüngst verfolgte er den 100-Meter-Srpint von Deniz Almas, der bei den deutschen Meisterschaften in Braunschweig in 10,08 Sekunden zum Titel lief. „Ich bin mit Herz und Seele dabei, die Entwicklung von Deniz Almas zu verfolgen. Dass er als weißer Europäer mit 10,08 Sekunden die europäische Jahresbestzeit hält, ist Wahnsinn“, betont Novak und ordnet die Leistung in den historischen Kontext ein: „Der Goldmedaillengewinn bei Olympia von Hildegard war das absolute Highlight in dieser Stadt, aber Almas folgt direkt dahinter.“

Auf einem ähnlich erfolgreichen Weg sieht er Maximilian Karsten, der bei den deutschen Jugend-Mehrkampfmeisterschaften im Zehnkampf jüngst Gold holte. „Ich konnte nicht abwarten, wie der Junge da abschneidet“, fieberte Novak mit und betont, wie wichtig es ist, den jungen Sportlern Anerkennung zu zeigen: „Es ist ganz wichtig, dass es Leute gibt, die sich für Erfolge interessieren und den Athleten dann mal auf die Schulter klopfen.“
Deutscher Meister 1966: Die 3x800-Meter-Staffel um Christa Basche, Mechthild Achtel und Christa Luczak sicherte sich den Titel. Nicht fehlen durfte Robert Novak (r.), der das Geschehen vor Ort verfolgte.
Deutscher Meister 1966: Die 3x800-Meter-Staffel um Christa Basche, Mechthild Achtel und Christa Luczak sicherte sich den Titel. Nicht fehlen durfte Robert Novak (r.), der das Geschehen vor Ort verfolgte.
Dafür ist neben den Trainern auch Novak da, er ist liebevoll gesagt das „Mädchen für alles“ bei den VfL-Leichtathleten. Seinen Anteil an den Erfolgen will der Ex-Sportler aber nicht zu hoch hängen, die Bescheidenheit überwiegt. Vielmehr sieht er andere Faktoren, die ausschlaggebend für Erfolg sind. „Die jungen Leute haben im Leistungszentrum gute Trainingsbedingungen. Zudem hat der VfL Mitarbeiter und Trainer, die sich kümmern.“ Aber nicht nur das: „Die Eltern sind die ersten Sponsoren ihrer Kinder. Das beginnt damit, dass sie die Kinder zum Training fahren.“

Und der Nachwuchs ist auch das, was sich Novak für die nächsten 75 Jahre beim VfL wünscht. „Für die Leichtathletik wünsche ich mir natürlich viele Kinder und Jugendliche, die den Weg zu uns finden.“ Und er hofft, dass sich der Gesamtverein die Vielfalt bewahrt, denn „jeder, der ein Talent hat, hat das Recht darauf, das ausüben zu können“   Text: Marcel Westermann

Spiel ohne Grenzen

Es war zwar keine Leichtathletik-Veranstaltung, aber mit Rolf Burscheid und Jörg Jüttner waren zwei VfL-Leichathleten dabei, als 1969 ganz Europa nach Wolfsburg schaute: Im VfL-Stadion fand die internationale Ausscheidungsrunde der TV-Show „Spiel ohne Grenzen“ statt, einem in den 60er und 70er Jahren unfassbar populären Städtewettbewerb, den man sich als eine Mischung aus „American Gladiators“, „Wetten, dass..?“ und Bundesjugendspielen vorstellen muss – live im Fernsehen mit heute unvorstellbaren Einschaltquoten. Wolfsburgs hatte in Cuxhaven die dortigen Gastgeber besiegt und durfte am 20. August 1969 die internationale Runde im vollen Stadion am Elsterweg ausrichten. Die Wolfsburger gewannen nicht nur, sondern setzten sich anschließend – ebenfalls im Rahmen einer Eurovisionsübertragung – auch bei der Endrunde im englischen Blackpool durch.
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